Brandklassen von Akustikabsorbern – EN 13501-1 technisch erklärt

Akustikabsorber vergrössern die wirksame Oberfläche im Raum und beeinflussen damit nicht nur die Raumakustik, sondern auch das Brandverhalten im Innenausbau. In der Praxis entstehen Verzögerungen bei Freigaben und Abnahmen fast immer dort, wo Klassifizierungen (z. B. B-s1,d0) falsch interpretiert oder als Systemaufbau nicht sauber dokumentiert sind.

Dieser Beitrag ordnet die Euroclass-Klassifizierung nach EN 13501-1 ein, zeigt die planungsrelevanten Stolpersteine (Oberflächen, Kleber, Unterkonstruktion, Montage) und übersetzt die Logik in eine praxistaugliche Entscheidungsbasis für Architektur- und Ausführungsplanung.


Normativer Rahmen: EN 13501-1 und Schweizer Einordnung (VKF)

Die Norm EN 13501-1 klassifiziert das Brandverhalten von Bauprodukten anhand definierter Prüfungen und bewertet dabei Entflammbarkeit, Rauchentwicklung und brennendes Abtropfen. In der Schweiz wird diese Systematik im Brandschutz über die VKF-Richtlinien im Innenausbau regelmässig als Referenz herangezogen. Für Akustikabsorber bedeutet das: nicht nur das Material, sondern der geprüfte Systemaufbau ist entscheidend.

Planungsregel: Verlange im Projekt nicht „Brandklasse des Materials“, sondern Klassifizierungs-/Prüfbericht des Systems (inkl. Montageart und Untergrund).

Euroclass-Systematik: Aufbau der Brandklasse (A1–F + s + d)

1) Hauptklasse (A1 bis F)

  • A1: nicht brennbar
  • A2: praktisch nicht brennbar (geringer Beitrag zum Brand)
  • B: schwer entflammbar (begrenzter Beitrag)
  • C–E: steigender Beitrag zum Brand (im Innenausbau oft kritisch)
  • F: nicht klassifiziert

2) Rauchentwicklung (s1, s2, s3)

Die Rauchentwicklung ist bei grossflächigen Akustiklösungen besonders relevant, weil sie in der Regel in Decken- und Wandzonen montiert werden und im Brandfall die Sicht und Evakuierung stark beeinflussen können.

  • s1: sehr geringe Rauchentwicklung
  • s2: begrenzte Rauchentwicklung
  • s3: keine Begrenzung

3) Brennendes Abtropfen (d0, d1, d2)

  • d0: kein brennendes Abtropfen/Abfallen
  • d1: begrenzt
  • d2: keine Anforderung / nicht spezifiziert

Praxis: Für Deckenabsorber und Bereiche über Verkehrswegen wird in Ausschreibungen und Abnahmen sehr häufig d0 erwartet, weil Tropfen/Abfallen zusätzliche Entzündungsquellen und Gefährdungen erzeugen können.


Typische Brandklassen bei Akustikabsorbern (Materialorientierung)

Nachfolgend eine praxisnahe Einordnung. Entscheidend bleibt: Systemaufbau + Montage + Oberflächen + Untergrund.

Material / System Typische Euroclass (Beispiele) Planerische Hinweise
Mineralische Absorber (z. B. Mineralwolle-Systeme) A1 / A2-s1,d0 Sehr robust hinsichtlich Brandschutz; Details bei Kaschierung/Gewebe prüfen.
PET-Akustikabsorber (geprüfte Systeme) B-s1,d0 (je nach Aufbau) Auf Systemnachweis achten: Textil, Druck, Kleber, Kanten, Montageabstand.
Melaminharz-Akustikschaum (Systeme) B-s1,d0 (je nach Produkt) Mechanische Schutzanforderungen, Alterung/Staub, Montage- und Untergrundvorgaben beachten.
Holz/MDF-Paneele (unbehandelt) häufig D–E Im Innenausbau oft nur mit systemischer Massnahme/Behandlung zulässig; Projektvorgaben klären.

Systemklassifizierung: Warum Montage, Untergrund und Oberflächen entscheidend sind

Die Euroclass gilt nicht isoliert für das „Grundmaterial“, sondern für das geprüfte Produkt bzw. den geprüften Systemaufbau. Akustikabsorber werden häufig als Deckensegel, Baffles, Wandabsorber oder Vorsatzschalen eingesetzt – jede Variante kann prüftechnisch anders bewertet werden.

Montageabhängige Faktoren (typische Ursachen für Abweichungen)

  • Untergrund (Beton, Gips, Holzwerkstoff, Metall, etc.)
  • Befestigung (Kleber, Schrauben, Schienen, Abhängungen)
  • Hohlraum/Abstand (z. B. Segel mit Luftspalt zur Rohdecke)
  • Oberflächen (Textil, Folie, Druckfarben, Lacke, Imprägnierung)
  • Kanten (offen, kaschiert, Rahmen/Profil aus Holz/Kunststoff/Metall)

Merksatz für Ausschreibungen: „Euroclass gemäss EN 13501-1 (z. B. B-s1,d0) – nachzuweisen für den Systemaufbau inkl. Oberflächen und Befestigung.“


VKF-Praxis: Wann reicht B-s1,d0 – wann braucht es A2-s1,d0?

In der Schweizer Praxis werden Anforderungen aus Nutzung, Personenbelegung, Fluchtwegsituation und Risikoprofil abgeleitet. Vereinfachend gilt häufig:

  • B-s1,d0: viele Standardanwendungen im Innenausbau (Büro, Besprechung, Unterricht, Teilflächen)
  • A2-s1,d0: erhöhte Anforderungen (z. B. Flucht- und Rettungswege, Sonderbauten, hohe Personenbelegung)

Für konkrete Projekte sind stets die objektspezifischen Vorgaben der Brandschutzplanung bzw. VKF-Konzeption massgebend.


Häufige Fehler in Planung & Ausschreibung (und wie man sie vermeidet)

  • Nur Datenblatt, kein Klassifizierungs-/Prüfbericht: Abnahme-/VKF-Rückfragen vorprogrammiert.
  • „Materialklasse“ statt „Systemklasse“: Oberflächen, Kleber, Montage fehlen im Nachweis.
  • Textil/Design nachträglich geändert: neue Oberfläche kann Klasse verändern.
  • Montage abweichend von Prüfung: Luftspalt, Befestigungsart, Untergrund wechseln.

Planungssicherheit mit Akustikbauer

Akustikbauer verbindet Akustik-Performance mit normorientierter Dokumentation – damit Planung, Submission und Abnahme reibungslos funktionieren. Wir unterstützen Architekten und Bauleitungen mit:

  • Auswahl geeigneter Akustiksysteme mit dokumentierter Euroclass
  • Hinweisen zu Montage, Untergrund und Oberflächen (Systemtreue)
  • Ausschreibungstexten und Nachweisstruktur für Projektunterlagen
  • Technischer Koordination für Abnahmen

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Externe Fachlinks (Normen & Institutionen)

Brandklassen von Akustikabsorbern – EN 13501-1

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